Halbleitermarkt immer noch unterschätzt? - Embedded.com

Halbleitermarkt immer noch unterschätzt?

BUDAPEST &#151 Das Jahr 2006 wird ein gutes für die Halbleiterbranche. Die meisten Analysten unterschätzen das Potential immer noch, glaubt Branchenexperte Malcolm Penn, Chef des Marktforschungsunternehmens Future Horizons. Auf dem jährlichen International Electronics Forum des Unternehmens legte Penn eine detaillierte Hochrechnung vor.

Der für seine pointierten Analysen bekannte Marktforscher steht weiterhin zu seiner Vorhersage vom Januar, der zufolge im laufenden Jahr das Umsatzvolumen der Branche auf Dollarbasis um mehr als 20 Prozent zulegen soll, während die Stückzahlen nur um 12 Prozent klettern. Das würde eine Umkehrung des langfristigen Trends zu immer niedrigeren Verkaufspreisen bedeuten. Penns Branchenkollegen lehnen sich nicht so weit aus dem Fenster: Im Durchschnitt erwarten sie ein Wachstum von 8 Prozent, nur einer der Analysten gesteht dem Markt ein Wachstum von mehr als 10 Prozent zu.

Penn dagegen ist zuversichtlich, dass das vom Internationalen Währungsfonds (IWF) erst vergangene Woche angehobene weltweite Wachstumsziel von 4,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die Nachfrage ankurbeln wird. Dies werde Lieferengpässe und Preissteigerungen nach sich ziehen, orakelt der Marktforscher. Alles in allem also die Voraussetzungen für ein gutes Jahr. “Die Beweise sind stark, und alles passt zusammen – wenn 2006 kein starkes Jahr wird, hat die Halbleiterindustrie kein starkes Jahr verdient”, so der Analyst.

Niemand glaube, dass die Chipindustrie schnell wieder auf die Beine komme, so Penn. Eine skeptische Haltung nach dem Motto “ich glaube es erst wenn ich es sehe” sei sehr verbreitet. Doch wenn sich die Erholung deutlicher abzeichne, werde es zu spät sein, noch auf den Zug aufzuspringen.

Dabei hat laut Penn die Belebung der Nachfrage bereits im Mai vergangenen Jahres eingesetzt. Die Folge war, dass die durchschnittlichen Verkaufspreise seit dem dritten Quartal 2005 wieder im Steigflug begriffen sind. Im allgemein als schwach betrachteten vergangenen Jahr habe die Industrie daher keine Rezession erlebt, sondern lediglich eine Marktkorrektur. Während im ersten Halbjahr der Abbau der Lagerbestände für eine depressive Stimmung gesorgt habe, sei das zweite Halbjahr von einem starken Anstieg der Nachfrage gekennzeichnet gewesen. “Nach Korrekturen erholen sich die Märkte normalerweise recht schnell”, erläuterte Penn. Die Durchschnittsverkaufspreise hätten zwar ihre Tiefststände erreicht, doch dauere es zwischen vier und acht Quartale nach dem Wiederaufleben der Nachfrage, bis sie sich wieder nachhaltig erholten.

Kritik an der Verwendung der IWF-Vorhersage als Grundlage seiner Analyse wischt Penn beiseite. In den vergangenen zehn Jahren habe der IWF nur zweimal mit seiner Vorhersage an der Realität vorbeigetroffen – 1997, als ein Finanzkrach die Länder Südostasiens schüttelte, und 2001, als die Terroranschläge vom 9. September die Aktienkurse zum Absturz brachten. “Daraus lässt sich schließen, dass der IWF nicht gut darin ist, Weltkatastrophen vorherzusagen. Alle anderen Prognosen des IWF waren korrekt – vielleicht gelegentlich etwas konservativ, aber übertrieben haben sie nie”, so Penn.

Dem Weltwährungsfonds zufolge ist das Wachstum in den großen Industrieländern stabil; in den aufstrebenden Volkswirtschaften einschließlich Mittel- und Osteuropa, Korea, Taiwan, Singapur und Brasilien hingegen nimmt es zu. “Diese Volkswirtschaften treiben das Welt-Bruttoinlandsprodukt. Und wo das Bruttoinlandsprodukt wächst, wächst auch der Chipmarkt”, führte Penn aus. Wer also seinen Umsatz ankurbeln wolle, der solle nach Osten gehen, riet der Analyst.

Die Engpässe bei der Waferherstellung werden nach der Analyse Penns wohl anhalten, denn die Nachfrage wachse schneller als der Aufbau neuer Kapazitäten. So hat der Absatz in Stückzahlen zwischen dem dritten Quartal 2003 und dem vierten Quartal 2005 pro Vierteljahr je 4,2 Prozent zugelegt, die Fab-Kapazitäten stiegen im gleichen Zeitraum nur um 2,7 Prozent je Quartal. Die Auslastung folge einem guten Verlauf. “Die Verfügbarkeit von Kapazitäten garantiert keinen wachsenden Umsatz – aber wer keine Wafer herstellen kann, der wird auch keinen Umsatz erzielen”, brachte Penn die Situation auf den Punkt.

Der Analyst unterstrich, dass die Fortschritte in der Prozesstechnologie keine signifikanten Steigerungen der Kapazitäten bewirken, sondern lediglich die Komplexität erhöhen. Und neue Bestellungen von Anlagen würden im laufenden Jahr ohenhin nicht mehr produktionswirksam werden – was nicht bereits auf dem Weg in die Fabs sei, würde die bevorstehenden Lieferengpässe in keiner Weise abmildern, so Penn. “Wenn nicht die Nachfrage zusammenbricht, wird das laufende Jahr von Knappheit und Allokation gekennzeichnet sein.”

Diese Unterversorgung ist nach Auffassung des Future-Horizons-Chef keineswegs vorübergehend, sondern strukturell bedingt. Im Back-end seien die Engpässe zwar leichter zu beseitigen, aber auch dort presche keiner der Chiphersteller mit Investitionen vor. Im Front-end erfordere die Beseitigung der Engpässe mehr Zeit – sechs bis zehn Monate mindestens. Und bevor es besser werden könne, werde es erst einmal noch schlechter, unkte Penn.

An Vitalität fehlt es der Industrie nach Auffassung des Branchenexperten keineswegs. Die Branche expandiere sowohl geographisch als auch im Hinblick auf neue Produkte. Auch sei der Markt allenfalls in einigen spezifschen Segmenten nahe dem Stadium, das man als 'reif' bezeichnet – insgesamt sei er jedoch von diesem Zustand weit entfernt.

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